Champion’s League 2013: Der Pott gehört in den Pott

Fußballfans sind schon kurios. Vielleicht liegt es an meiner vergleichsweise sehr späten Fanwerdung (erst so Mitte/Ende zwanzig, nach 7 Jahren Leben im Ruhrgebiet), dass ich die absolute Verehrung des eigenen Vereins und die absolute Ablehnung, ja die Feindschaft zu anderen Vereinen, nicht so richtig nachvollziehen kann.

Klar, als Schalker bin ich leidenschaftlicher BVB-Gegner, das gehört dazu und mein erstes Derby in der Nordkurve in der diesjährigen Rückrunde war sensationell. Nicht nur wegen des 2:1 Heimsieges, sondern weil ich inmitten der absoluten Verehrer das sprichwörtliche Derbyfieber spüren konnte. Die ganze Kurve, das ganze Stadion schwitzten förmlich die Rivalität zum BVB aus. Man konnte diese Spannung riechen, fühlen und hören sowieso. Das war im Vergleich zu anderen Stadionbesuchen in der gleichen Kurve beeindruckend anders.

Nordkurve auf SchalkeNun wird die Zugehörigkeit zum eigenen Club für viele Menschen von einem quasireligiösen Gefühl begleitet. Und der Teufel existiert für einen Schalker nunmal gleich in zweifacher Form. Einmal in rot, beim FC Bayern München und einmal in bienemajaschwarzgelb bei Borussia Dortmund. „Nie im Leben würde ich zu Bayern gehn“, den Song der Toten Hosen (Fortuna-Fans wie man weiß) haben aber Schalker wie Dortmunder gleichermaßen (und überhaupt fast alle Fans anderer Clubs als des FCB) verinnerlicht. Entsprechen brutal sind die Reaktionen, wenn ein Spieler dann doch des Geldes, der sportlichen Karriere oder weil’s der Berater empfohlen hat, zu den Bayern wechselt. Manuel Neuer vor zwei Jahren, jetzt Mario Götze.

Und das ist die Stelle, wo es bei mir ausklinkt. Ich bin eben kein pseudoreligiös motivierter Fußballfan sondern einer, der das Spiel lieben gelernt hat und dem der sportliche Kampf samt Supportergetöse einfach tierisch Spaß macht. Wer von einem Spielertransfer – egal wie er zustande kommt und kommuniziert wird – persönlich beleidigt ist, hat mein Verständnis, weil ich nachvollziehen kann, dass für viele Menschen der Verein und die Mannschaft das Ein und Alles sind. Aber ich mache mir diese Haltung nicht zu eigen. Das ist nicht meins.

Die Champion’s League ist eine Liga für sich

Wenn es um den sportlichen Wettstreit geht, haben wir in Europa das Glück, dass mit Champion’s League der anspruchsvollste Mannschaftswettbewerb im Fußball weltweit vor unserer eigenen Haustür ausgetragen wird und mindestens 3 deutsche Mannschaften mit von der Partie sind. Schalke ist diese Saison trotz verkorkster Mittelstrecke in der Bundesliga in der CL ganz respektabel ins Achtelfinale gekommen und hat dort – wie so oft – durch eigene Nachlässigkeit und Dusseligkeit gegen Galatasaray Istanbul verloren. Das kommt vor, als Schalker ist man Kummer gewohnt.

Aber soll ich deshalb jetzt die CL ignorieren? Ich wäre ein schlunziger Fußballfan, wenn ich das täte. Jetzt könnte ich zum orthodoxen Reflex greifen und sagen, bevor die Zecken (der BVB) oder die Bauern (der FCB) den Pott gewinnen, sollen sie lieber von Real Madrid und Barcelona bis zur Besinnungslosigkeit tikitakatiert werden. Hauptsache die „Erzfeinde“ gewinnen nicht. Das ist natürlich Quatsch, denn schließlich kann ich mit auch als Schalker darüber freuen, dass die besten Mannschaften der Bundesliga zu den besten Mannschaften Europas und damit der Welt gehören.

Wer dem BVB den CL-Sieg nicht gönnt, ist entweder Bayer oder hat ein Herz aus Stein

Heute abend nun haben die Borussen den Einzug ins CL-Finale in Wembley geschafft, indem sie das Rückspiel gegen Real Madrid tapfer verloren haben. Das Hinspiel hat das wahre Potenzial dieser Mannschaft gezeigt und jeder, der Jürgen Klopp und seinen Jungs diesen (Zwischen-?)Triumph nicht von Herzen gönnt, hat selbst ein Herz aus kaltem Stein.

Und fast genauso ist es mit den Bayern. Sie haben die abgeklärteren Typen als Spieler und die seit Jahrzehnten kultivierte Attitüde des „mia san mia“, die man als Nicht-Bayer gern als Arroganz deutet, die aber nicht anderes heißt als: Wer wenn nicht wir kann und soll den deutschen Fußball über Jahre hinweg auf höchstem Niveau repräsentieren? Das dürfen die Bayern, sollen sie auch. Das macht sie für mich nicht unbedingt von Herzen sympathisch, auch wenn ich zugeben muss, dass im Laufe dieser Saison gerade die kurzen Einlassungen von Jupp Heynckes im TV doch so etwas wie Wärme vermitteln konnten. Dennoch, die Bayern haben die beste Liga-Saison aller Zeiten gespielt. Dafür gebührt ihnen jeder Respekt auch eines Schalke-Fans und der Platz in den ewigen Fußballstatistiken und Geschichtsbüchern ist ihnen eh sicher.

Wenn jetzt morgen Abend die Bayern auch noch gegen Barcelona die CL-Finalteilnahme klarmachen, kommt es zum wohl spannendsten Fußballduell seit achwasweißichwann. Nun habe ich als Schalker – ganz fan-orthodox gesprochen – die Wahl zwischen Pest und Cholera, welcher Mannschaft ich die Daumen drücken soll.

In diesem Fall folge ich meinem persönlichen emotionalen Bezug zum Ruhrgebiet. Ich habe da acht Jahre während des Studiums gelebt und dort nahm wie eingangs erwähnt meine späte Fanwerdung ihren Anfang. Für mich liegt es also – aller Liga-Erzrivalität zum BVB zum trotz – viel näher, den Borussen den Sieg in der Champion’s League zu gönnen als den Bayern. Verdient haben ihn, Stand heute, beide Vereine und die Fans beider Clubs. Die Dreimal-Vize-Saison der Münchner darf gern von einer wohl nicht zu toppenden Triple-Sieger-Saision vergessen gemacht werden. Das wäre sogar so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit – oder ein Zeichen der Güte des „Fußballgotts“ (noch so ein Götze! (pun intended)).

Doch wenn der Pott in den Pott käme, dann wäre das die hochverdiente Belohnung für den unwahrscheinlicheren Sieger. Den Club der (ehemaligen) Stahlstadt Dortmund, deren Menschen sich meiner Erfahrung nach in Lebenseinstellung, Herzlichkeit und zupackend handfester Art im Umgang miteinander kein Stück von Gelsenkirchenern, Bochumern, Essenern, Recklinghausenern oder Duisburgern unterscheiden.

Der Ruhrpott ist das Herz des deutschen Arbeiterfußballs. Und ohne seine Fußballvereine und deren über inzwischen mehr als 100 Jahre gewachsene Identität, die aufs Engste mit den Fans verwoben ist, würde dem deutschen Fußball, der jetzt im Rampenlicht Europas steht, eben das fehlen: Das Herz. Deshalb gehört der Pott am 25. Mai in den Pott.
PS: Und wenn beim nächsten Derby die Nordkurve wieder so jubelt, wäre mir das auch mehr als recht.

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