Eiskalte Eier für die Karriere? Ein fatales Signal.

Apple und Facebook bieten Mitarbeiterinnen an, ihre Eizellen einzufrieren, damit sie das Kinderkriegen, so sie es denn planen, auf später verschieben können. In einem Land, dessen Krankenhäuser schon bei Betreten der Notaufnahme eine Kreditkarte sehen wollen, wird das als „Benefit“ für die Mitarbeiterinnen verkauft. Schließlich will man die besten und talentiertesten Leute für das Unternehmen gewinnen. Das kann man, wie Elisabeth Oberndorfer in ihrem Blog, gut finden.

Oder ein fatales Signal an Frauen und Männer, die beides wollen, eine berufliche Karriere machen und eine Familie gründen.


Coot Nest 16.04.11
Das Signal lautet: „Macht erstmal bei uns Karriere (und kniet euch so richtig rein). Ein Kind wäre dabei doch nur im Weg. Kinder kriegen könnt ihr später noch, wenn ihr denn dann noch unbedingt wollt.“

Nicht ohne Risiko

Vielleicht, sollte man noch hinzufügen. Denn man sollte bei allem Zutrauen in den medizinischen Fortschritt nicht vergessen, dass niemand garantieren kann, dass eingefrorene Eizellen wieder heil aufgetaut werden, die folgende In-Vitro-Fertilisation (vulgo Befruchtung im Reagenzglas) klappt und die befruchtete Eizelle erfolgreich eingepflanzt wird und dann auch zu einem gesunden Kind heranreift. Und wie jede Behandlung, hat auch „Cryopreservation von Oozyten“, Risiken.

Nun mag man argumentieren, das sei doch alles schon zigtausendfach erprobt und würde heute schon vielen Paaren den Kinderwunsch erfüllen. Schon klar.

Viele offene Fragen

Was mich in diesem Kontext aber erschreckt ist, dass das Angebot bis jetzt nur als tolles Signal an talentierte Frauen kommentiert wurde und folgende Fragen überhaupt nicht diskutiert werden:

  1. Ist es ethisch vertretbar, dass ein Unternehmen mit einem offenbar gut gemeinten Angebot Druck auf seine Mitarbeiterinnen ausübt, die Familienplanung der Karriere unterzuordnen?
  2. Ist es ethisch vertretbar, dass ein Verfahren wie IVF, das als Behandlung einer bestimmten Diagnose (unerfüllter Kinderwunsch aus medizinischen Gründen) entwickelt wurde und für viele ein Segen ist, durch Finanzzuschüsse zur Lifestyle-Behandlung wird? „Social Freezing“ auf einer Ebene mit Botox-Spritzen und auf Wunschtermin geplanten Kaiserschnitt-Entbindungen?
  3. Welches Signal geht von einer solchen Maßnahme an die Gesellschaft aus? Dass Kinder der Karriere im Weg stehen? Dass junge Eltern in Unternehmen nicht erwünscht sind, weil sie vermeintlich nicht für die Bilderbuchkarriere geeignet sind?
  4. Wie verändert sich eine ohnehin schon vergreisende Gesellschaft, wenn Frauen suggeriert wird, es sei schon vollkommen OK, erstmal Karriere ohne Kind zu verfolgen und der Rest werde sich schon finden?
  5. Was macht es mit der Psyche, wenn man glaubt, der Natur der Dinge mit medizinisch-technischen Verfahren jederzeit ein Schnippchen zu schlagen?

Aus meiner persönlichen Warte als 40jähriger Vater zweier kleiner Kinder und Unternehmer mit 75% Frauenanteil in unserer Agentur gruselt es mich bei der Vorstellung, in Zukunft bekämen nur die Unternehmen die Besten, die Kinder und Familie aus ihrem Dunstkreis verdrängen. Zudem glaube ich, hierzulande machen wir uns noch keine Vorstellung davon, wie eine vergreiste Gesellschaft ganz praktisch und vom Lebensgefühl her aussehen wird.

Kapitalistischer Trojaner auf Kosten der Frauen

Ich halte das Angebot von Apple und Facebook für ein ganz zynisches Trojanisches Pferd. Es lockt karrierewillige Frauen (und ihre Partner!) auf eine falsche Fährte, beutet sie nach allen Regeln des Kapitalismus aus und dann spuckt sie dann aus dem Luxusbenefit-System wieder aus, wenn sie sich kurz vor Toresschluss doch noch für Kinder entscheiden.

 

Auch lesenswert:

Süddeutsche Zeitung: „Social Egg Freezing zementiert gesellschaftliche Ordnung“
ZEIT Online: „Gefroren, um zu bleiben“ (Glosse)

T3N: „Apple, Facebook – Geht’s noch?“

 

6 Kommentare Schreibe einen Kommentar

  1. Vielen Dank für deine Meinung und Argumente. Davon abgesehen, dass solche Fertilitätsprogramme generell ein umstrittenes Thema sind, möchte ich zu dem Signal Bezug nehmen. Dass man eine Schwangerschaft auf einen späteren Zeitpunkt aufschiebt, muss nicht heißen, sich für Karriere statt Familie zu entscheiden. Die Karriere hört ja nicht mit 40 oder wann man auch immer sich dann für eine Schwangerschaft entscheidet, auf. Aus persönlichen Gesprächen weiß ich, dass in den USA viele diese Option in Erwägung ziehen, und Facebook hat auf diese Nachfrage offenbar reagiert. Dass mir ein potenzieller Arbeitgeber in Aussicht stellt, dieses Vorhaben zu finanzieren, finde ich das Gute an der Sache.

    Ich stimme dir zu, im ersten Moment wirkt es so, als würden die Unternehmen versuchen, die Familienplanung zu verhindern, aber es gibt noch viele andere familienfördernde Maßnahmen – weshalb ich zu dem Schluss gekommen bin, dass das Angebot sinnvoll ist.

  2. @Elisabeth – Es steht ja den Leuten frei, so ein Angebot anzunehmen, wenn sie sich über die Risiken (für sich UND Kind) im Klaren sind. Ich finde es nur eine unglaublich technikgläubige Art mit einem vermeintlichen Problem umzugehen, von dem ich dachte, dass es unsere postindustrielle Gesellschaft (in Europa wie in Amerika) langsam anfinge, auf anderem Wege zu überwinden. Ich spreche ja bewusst von einem falschen Signal, nicht von falschen persönlichen Entscheidungen.
    Hierzulande diskutiert man seit 10 Jahren, wie die Politik helfen kann, Familie und Beruf besser zu vereinbaren und sich auf die demographische Katastrophe vorzubereiten, die uns in spätestens 30 Jahren ereilen wird. Die Antwort kann dann doch nicht sein, mit medizinischen Mitteln die Trennung von Familie und Beruf noch zu befördern und das Aufräumen – psychosozial wie gesellschaftlich – dann den anderen zu überlassen.

  3. Pingback: Eizellen einfrieren für die Karriere: Apple und Facebook – geht’s noch? [Kommentar] | t3n

  4. Wie gestern Abend schon auf Twitter geschrieben: Ich sehe den Unterschied zur vom Arbeitgeber geförderten Unterstützung bei anderen Methoden der Familiengründung (z.B. die in den USA sehr verbreiteten Adoptionszuschüsse) nicht. Der „Benefit“ ist Teil der medizinischen Zusatzleistungen für die Angestellten, teilweise offenbar in bestehenden Programm zu Surrogacy verankert und wurde von Mitarbeiterinnen explizit gewünscht.

    Familiengründung ist für mich vor allem eins: Privatsache. Wie, wann und ob man eine Familie gründet, ist jedem selbst überlassen. Das Berufsleben muss, unabhängig vom Lebensabschnitt der Eltern, die passenden Rahmenbedingungen liefern – es ist ja nicht so, dass 40jährige Mütter nicht mit beiden Beinen im Berufsleben stehen würden. Mit 30 baust du noch deine Karriere, mit 40 bist du wahrscheinlich Führungskraft – irgendwas ist ja immer. Wann die Familienplanung reinpasst? Privatsache. Egal ob im Studium, noch in den 20ern oder dann doch erst um die 40. Meine Güte, wenn eine Frau sich mit 50 den Strapazen einer Fruchtbarkeitsbehandlung aussetzen will, soll sie es tun – ihre Entscheidung.

    Als jemand, der auf jeden Fall in Zukunft auf „alternative“ Wege zum Kind zurückgreifen wird (da in gleichgeschlechtlicher Beziehung), sei es Adoption oder vielleicht doch künstliche Befruchtung oder vielleicht ja sogar Leihmutterschaft, wer weiß das schon: Ich würde mich freuen, wenn ich über meinen Arbeitgeber eine Möglichkeit hätte, die erheblichen finanziellen Belastungen solcher „Alternativen“ (die ja für mich keine sind, sondern Notwendigkeit) abzufangen. Unsere Familienplanung, die noch ein paar Jahre in der Zukunft liegt, nicht weil ich mich zu jung fühle, sondern weil ich einfach jetzt noch nicht WILL, wird jetzt schon finanziell eingeplant, andere sparen auf ein Auto, wir sparen auf die Adoptionskosten. Ein Arbeitgeber, der mir konkrete finanzielle Entlastung bei meiner Familienplanung anbieten kann (ebenso wie ausreichende Optionen wenn das Kind dann mal da ist natürlich), kriegt bei der Jobwahl einen dicken Pluspunkt. Leider ist Deutschland von solchen Unterstützungen meilenweit entfernt.

    Und noch einmal: Das Thema ist zutiefst Privatsache. Jeder soll die Wege zum Kind suchen, die er/sie selbst vertretbar/gesund/sinnvoll findet, solange Menschenrechte (z.B. teilweise ausbeuterische Leihmutterschaften) und Kinderrechte gewahrt sind. Für mich ganz persönlich ist Adoption der bevorzugte Weg – aber wer weiß, was die Zukunft bringt.

  5. Danke, Ina, für den leidenschaftlichen und persönlichen Kommentar! Was die Privatsache bzw. individuelle Entscheidungsfreiheit betrifft, sind wir einer Meinung. Nicht jedoch bei der Beurteilung des ach so großzügigen Angebots. Nachdem ich heute verschiedene Positionen gelesen habe, muss ich mich doch sehr wundern, wie sehr diejenigen (vor allem weiblichen) Fürsprecher aus einer extrem ego-zentrischen Sicht argumentieren. Nach dem Motto „mein Bauch, mein Leben, mein Kind, meine Entscheidung“ und „her mit dem Geld“. (Ich überspitze bewusst.)

    Ich finde das fahrlässig. Denn eine Familie zu gründen ist alles, nur eines nicht, ein Akt der Selbstverwirklichung. Denn aus dem Ich und Du einer Beziehung wird ein Wir und Uns. Sind beide Partner ohne Kinder noch einzeln denkbar, sind sie es mit Kind nicht mehr. Also muss das Kind/die Kinder – und um deren Wohlergehen sollte es am Ende immer gehen – bei der Entscheidung mitgedacht werden. Und zwar nicht nur heute und auf die nächsten 5-10 Jahre, in denen man seiner Joberfüllung nachgeht, sondern auf lange Sicht.
    Ich bin dieses Jahr 40 geworden. Unsere Kinder sind drei und knapp anderthalb. Wenn sie anfangen zu Studieren, ist mein Berufsleben schon weitgehend durch und das meiner Frau ein paar Jahre später auch. Wir sind, auch wenn wir uns heute nicht so fühlen, schon jetzt „alte Eltern“.

    Ja, es macht einen Unterschied für Eltern UND Kinder, ob man mit 28 oder mit 38 eine Familie gründet. Und es sollte in unserer Gesellschaft alles dafür getan werden, dass Frauen und Männer eben NICHT mehr das Gefühl haben müssen, 27 oder 28 sei doch viel zu früh für Familie.

    Nochmal, ich will niemandem vorschreiben wie er/sie zu leben hat. Das widerspräche meiner liberalen Grundeinstellung. Aber ich kann keine von kapitalistischen Interessen getriebenen Angebote gutheißen, die einen gesellschaftlichen Missstand „zementieren“ (wie es in einem der Beiträge hieß) statt ihn zu lösen. Im individuellen Fall mag das toll sein, als gesellschaftspolitisches und sozio-ökonomisches Signal ist es grausig.

  6. Was du in Punkt 1 ansprichst, drückt ziemlich genau das aus, was ich als erstes gedacht habe als ich von dem „Angebot“ gehört habe.

    Für jemanden, der noch nicht vorhatte jetzt eine Familie zu gründen ist das sicher ein nettes Angebot.

    Wenn man sich da aber zumindest unsicher ist, könnte durch die Existenz eines solchen Angebots leicht der Eindruck entstehen, dass es vom Arbeitgeber gewünscht ist, die Familiengründung zu verschieben.

    Ob man sich solche Gedanken konkret machen muss hängt dann eben davon ab, wie der Arbeitgeber das jeweilige Angebot kommuniziert (und in welchem Kontrast das gegebenenfalls zu anderen Angeboten steht, insbesondere zu Vergünstigungen für Eltern, die etwa die hier angesprochene Facebook ja auch anbietet, zB Elternzeit und Elterngeld).

    Ich stelle jetzt einfach mal die These auf, dass die ersten Arbeitgeber, die ihren Arbeitnehmerinnen anbieten, sich an den Kosten für das Einfrieren von Eiern zu beteiligen mit großer Wahrscheinlichkeit auch in anderen Bereichen gegenüber anderen Arbeitgebern einen Schritt weiter sind und deshalb auch im Falle einer Entscheidung für die sofortige Familiengründung einige Leistungen vorsehen. In diesen Fällen bliebe das Angebot dann ein wirkliches Angebot und wäre meines Erachtens in Ordnung.