Kindergartennormalität – #bloggerfuerfluechtlinge

Wanderungsbewegungen, Migration, verändern ein Land. Wir wohnen im Frankfurter Norden. Die Nordweststadt ist nur einen Steinwurf entfernt, Bonames mit dem stadtweit berüchtigten Ben-Gurion-Ring nur eine U-Bahn-Station. Von den Stadtteilen heißt es, sie seien „soziale Brennpunkte“. Was die Leute damit meinen ist: Mietskasernen, Leute mit geringem Einkommen und eher unterprächtiger Bildung, hoher Anteil an Ausländern. An Ausländern, die schon immer hier sind. Aber irgendwie immer noch nicht dazu gehören, obwohl sie längst Teil Deutschlands sind. Schon in dritter, vierter Generation oft. Die Politik spricht dann gern von Durchlässigkeit des Bildungssystems, von sozialem Aufstieg, davon, dass auch seitens der Ausländer der Wille zur Integration da sein muss, damit sich keine Gettos bilden. Kennt man ja.

Großstadtnormalität


Migration zeigt sich in Namen. Unsere Tochter wird heute vier Jahre alt. Sie ist seit einem Jahr in einem Kindergarten in der Nähe und es gefällt ihr gut. Ein Blick auf die Liste der Nachnamen von Kindern und Eltern:

  • Borsutzky
  • Bogdanovic
  • Ebrahimi
  • Parvizi
  • Timariu
  • Yavuz
  • Zielinski
  • Alimoradian
  • aber auch Schmitt und Liller, Klos und Ludewig

Deutschlandnormalität

Unserer Großen sind die Namen egal. Sie spielt mit Ando, Felix, Hannah, Julia, Marija, Radwin, Oleg und Ryan. Wo sie herkommen, oder ihre Eltern, kümmert sie nicht. Ihre Spielkameradinnen und -kameraden sind nett oder doof. Dazwischen ist wenig, die Bewertung wechselt häufig. Kindernormalität.

Wir Erwachsenen aber machen uns einen Kopf. Über die Zahl der Flüchtlinge (oder sind es nicht viel eher Heimatvertriebene, Einwanderer?), die zur Zeit zu uns kommen. Über deren Motive, und vermeintlich wahren Gründe, weshalb sie ausgerechnet nach Deutschland kommen. Politiker üben sich in wohlfeilen, populistischen Symbolen, reden über „Taschengeld“, das man kürzen müsse, um keine Anreize zum Kommen zu bieten. Als ob jemand aus den zerbombten syrischen Städten oder der IS-durchseuchten irakischen Wüste wegen ein paar Hundert Euro käme, wenn er nur sein Leben, seiner Kinder, retten will und in Sicherheit schlafen. Und dann vielleicht etwas Neues aufbauen. Eine Bleibe, eine Familie, ein neues Leben. 

Wären wir mehr wie die Kinder und nähmen die Neuen mit Neugier in unsere Mitte auf; mit Hilfsbereitschaft und vielleicht Zeit, oder meinetwegen auch einfach Geld für Leute, die Hilfsbereitschaft organisieren und Zeit investieren; vielleicht wäre es dann einfacher. Und fröhlicher.

Spendennormalität

Es wird nur fünf oder zehn Jahre dauern, dann sind die neuen Namen, die 2014/15/16/17 zu uns kommen, Teil der Eltern- und Kinderliste, die im Kindergarten aushängt; und bei den Eltern, damit die wissen, wo man eine Einladung zum Kindergeburtstag einwerfen kann. Dann wird man höchstens Mal beim Sommerfest fragen, woher jemand eigentlich kommt und auf „ah, aus Syrien/Eritrea/Afghanistan/…“ folgt dann „und was machst du so beruflich“ oder „wann kommt euer Großer denn in die Schule“. Elternnormalität. 

  
Bis es soweit ist, brauchen zahllose Initiativen für Flüchtlinge in unserem Land Hilfe. Die Aktion #bloggerfuerfluechtlinge trägt dazu bei. Mehr Infos und eine Möglichkeit zum Spenden, wenn die eigene Zeit für Handfesteres nicht reicht (auch normal), findet ihr auch direkt hier bei Betterplace.org.
Helft mit! Danke! #refugeeswelcome
 

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